Synästhesie: Was ist das?

Manche Menschen können Farben hören. Ja, richtig gelesen. Farben – hören!

Menschen mit Synästhesie verknüpfen verschiedene Sinneswahrnehmungen miteinander. Nun fanden Forscher die genetischen Grundlagen des faszinierenden Phänomens.

Manche Menschen nehmen die Welt um sich herum nicht allein durch Sehen, Schmecken, Hören und Fühlen wahr. Bei ihnen sind Sinne miteinander verknüpft: Sie hören zum Beispiel Töne, wenn sie bestimmte Farben sehen, oder können Zahlen schmecken.

Synästhesie nennt man dieses rätselhafte Phänomen. Forscher wissen noch immer nicht genau, wie sie entsteht oder warum manche Menschen Synästhetiker sind und andere nicht. Doch seit 130 Jahren ist bekannt, dass diese Fähigkeit in Familien gehäuft auftritt – was darauf hindeutet, dass die Vererbung eine große Rolle spielt.

Forscher vom Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in den Niederlanden konnten nun an drei Synästhetiker-Familien die genetischen Grundlagen des Phänomens analysieren. In den Familien hatten über mindestens drei Generationen fünf oder mehr Mitglieder jeweils eine Klang-Farb-Synästhesie: Sie verknüpften Töne mit Farben.

Sie fanden 37 Gene, die mit Synästhesie in Verbindung gebracht werden können. Zwar waren nicht immer alle diese Gene in den Familien verändert. Doch ihre Funktion ist ähnlich. Sechs dieser Gene halten die Forscher für besonders spannend.

Diese Gene haben für den Körper ab der frühen Kindheit eine Funktion. Sie sorgen dafür, dass sich die Fortsätze von Nervenzellen bilden und ausrichten – ein Prozess, der auch Axogenese genannt wird. Dabei vernetzen sich Nervenzellen auch mit Zellen in anderen Hirnregionen. Die gefundenen Gene sind unter anderem im Seh- und Hörzentrum besonders aktiv.

Viele Wege könnten dazu führen, dass die Vernetzung der Nervenzellen durch leichte Abwandlungen der Axogenese verstärkt wird, schreiben die Forscher. Zum Beispiel könnte die Länge und Lage der Nervenfasern dafür sorgen, wie auch ungewöhnliche Verästelungen und andere Veränderungen der Form.

Die Studie zeige, wie genetische Unterschiede die Sinneserfahrungen beeinflussen können – möglicherweise über eine veränderte Vernetzung der Nervenzellen im Gehirn, sagt Ko-Autor Simon Baron-Cohen von der Universität Cambridge. „Die Synästhesie ist damit ein eindeutiges Beispiel für Neurodiversität, die wir respektieren und schätzen sollten.“

Überaus selten sind Synästhesien nicht: Einer britischen Studie zufolge haben bis zu 4,4 Prozent der dortigen Bevölkerung mindestens eine Form der speziellen Sinneswahrnehmung. Die Erkenntnisse der jetzigen Studie könnten als Startpunkt dienen, um die Ursprünge des Phänomens zu ergründen, hoffen die Forscher.

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