Stephen Hawking und ALS

Die Ärzte gaben dem ALS Erkrankten Forscher damals zwei Jahre. Stephen Hawking lebte aber länger. Viel länger. 55 Jahre lang lebte er noch mit seiner Krankheit ALS. Wie ungewöhnlich ist das?

Verläufe wie den von Stephen Hawking sieht man als Arzt wohl selten. Aber es gibt sie immer wieder. Deshalb sollte man zunächst immer zurückhaltend mit seiner Prognose sein und den Betroffenen beruhigen. Die ALS muss sich nicht so entwickeln, wie man es üblicherweise liest und hört. Es gibt Faktoren, die für einen langsameren Verlauf sprechen. Wenn jemand sehr jung erkrankt zum Beispiel. Oder wenn die ersten Lähmungen an Armen und Beinen auftreten. Dann leben die Patienten manchmal nicht nur drei oder vier, sondern zehn oder zwanzig Jahre.

Woran könnte das liegen?

Bei einigen Menschen scheinen die Nervenzellen im Rückenmark, die Signale aus dem Gehirn an die Muskeln weiterleiten, resistenter zu sein. Bei ihnen gehen zunächst nur die vorgeschalteten motorischen Neuronen im Gehirn selbst zugrunde. Manches spricht dafür, dass auch Stephen Hawking zu dieser Gruppe gehört. Zudem darf man nicht vergessen, dass er seit über dreißig Jahren künstlich beatmet wurde. Viele Patienten lehnen diese lebensverlängernde Therapie ab.

Die ALS beginnt bei allen Patienten zunächst in der motorischen Hirnrinde. Meist wandert sie aber rasch in die nächsten, eng verbundenen Kerngebiete weiter, und das sind im Besonderen die genannten Nervenzellen im Rückenmark. Vor allem in den ersten Monaten kriecht die Krankheit sehr schnell durch das Gehirn, stets entlang der gleichen Route: In der Regel beginnen die Lähmungen in einem bestimmten Teil des Körpers, in der Hand, dem Fuß oder der Kau- oder Sprechmuskulatur. Dann fallen immer mehr Funktionen aus. Am längsten überleben die Nervenzellen, welche die Schließmuskeln in Blase und Darm und die Augenmuskulatur steuern. Deshalb konnte sich Hawking bis zuletzt über seine Augenbewegungen verständigen. Die überwiegende Mehrzahl der Betroffenen, etwa 95 Prozent, zeigt die ersten Symptome zudem erst im höheren Alter, in Deutschland meist zwischen 70 und 75 Jahren. Im Gegensatz zu den jüngeren Patienten haben diese Menschen keine ererbten genetischen Mutationen, die schon für sich alleine die Krankheit erklären.

Offensichtlich bleiben manche Hirnregionen verschont. Das Denkvermögen, das hat uns Hawking ja eindrucksvoll bewiesen, scheint weitestgehend unberührt zu bleiben.

Eine Demenz oder kognitive Störungen beobachten wir jedenfalls nur bei höchstens jedem zwanzigsten Patienten. Dennoch finden sich die Marker des Zelluntergangs wie TDP-43 auch in diesen Hirnbereichen. Nur scheinen die dortigen Nervenzellen der Krankheit im Vergleich zu den motorischen Neuronen besser standzuhalten. Ähnliches gilt übrigens auch für alle sensorischen Funktionen, also Hören, Sehen, Fühlen. Das ist es ja gerade, was einen bei der Krankheit so anrührt: Der Input in das Gehirn bleibt weitestgehend ungestört, es ist nur der Output, der nicht mehr funktioniert. Der Patient kann sich kaum noch mitteilen und ist eingeschlossen in seiner Welt.

Für für einen entscheidenden Durchbruch und eine vollständige Heilung durch Medikamente fehlt leider noch das vollständige Verständnis der Krankheit, welches aber mit den Jahren kommen wird.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s