Scham – Jeder kennt sie!

Scham ist ein starkes und unangenehmes Gefühl, das jeder Mensch kennt. Wie Scham entsteht, warum das Gefühl wichtig für die Gesellschaft ist und was es mit dem Fremdschämen auf sich hat. Der mittlere Blusenknopf platzt ausgerechnet im Büro ab. Der Lehrer kritisiert die Mängel vor der ganzen Klasse. Fahrkartenkontrolle, Ticket vergessen. Das Ergebnis in allen Fällen: Scham. Jeder kennt sie, erlebt sie, lebenslang. Berufliches Versagen, Armut, Arbeitslosigkeit können Auslöser tiefer Scham sein. Wer sich schämt, ist im Kern, im Inneren, getroffen. Er möchte sich umgehend auflösen, im Erdboden versinken, unter die Teppichfranse kriechen, den hochroten Kopf in den Sand stecken. Doch der Körper zeigt das genaue Gegenteil. Indem wir rot werden, kehrt sich unser Innerstes nach außen. Die Scham wird sichtbar. Für alle. Wie peinlich! Zurzeit scheint die Schamschwelle allerdings dramatisch zu sinken: Im Fernsehen lassen sich junge Menschen vor Millionenpublikum demütigen; in Talkshows pöbeln sich Eheleute an; in Internet-Blogs werden freimütig intimste Geheimnisse verraten. Die öffentlich praktizierte Schamlosigkeit führt dazu, dass die natürliche Scham allmählich an Wert verliert. Diese aber sei wichtig, denn sie schütze die Grenzen unserer Intimität – und die Grenzen der anderen. Wenn ich zufällig das Tagebuch meiner Tochter finde, bin ich peinlich berührt. Dieses unangenehme Gefühl bringt mich dazu, das Buch zurücklegen, ohne hineinzuschauen, um ihre Intimsphäre nicht zu verletzen. Empfinden wir heute tatsächlich weniger Scham als früher? Im Gegenteil, behauptet Sozialpsychologin Dr. Brené Brown von der University of Houston. Vor allem bei den Frauen habe sich das Schämen zu einer „sozialen Epidemie“ ausgewachsen, lautet ihr Fazit aus der Befragung Hunderter Frauen. Dahinter stecke die Angst, nicht zu genügen. Scham sei ein Auslöser von Perfektionismus, Sucht, Angststörungen, Schuldgefühlen, Aggressivität und der Beschämung anderer.

Scham ist zutiefst menschlich und hält die Gemeinschaft zusammen

Fremdschämen: Die Blamage anderer ist uns peinlich

Das sitzt, nicht nur beim Verkehrssünder. Denn Beschämung zieht oft größere Kreise: Die Ehefrau, deren Mann sich auf der Party daneben benimmt, schämt sich stellvertretend für ihren Gatten, weil sie davon ausgeht, dass beide als zusammengehörig wahrgenommen werden. Eine weitere Spielart, das Schämen für völlig fremde Menschen, wird besonders im Fernsehen kultiviert und ist mittlerweile so verbreitet, dass der Begriff „fremdschämen“ es bereits als Eintrag in den Duden geschafft hat. Dass die Blamage anderer im wahrsten Sinn des Wortes peinlich ist, also richtig weh tut, haben der Psychologe Sören Krach und sein Team von der Universität Marburg mit bildgebenden Verfahren nachwiesen. Demnach werden beim Fremdschämen die gleichen Hirnareale aktiviert wie beim Mitleid für körperliche Schmerzen anderer. Scham ist der Kitt, der die Gemeinschaft zusammenhält. Er birgt aber auch Risiken und Nebenwirkungen, unter anderem für die Gesundheit: Scham trägt nämlich dazu bei, dass viele Menschen sich vor ärztlichen Vorsorgeuntersuchungen drücken. Sie meiden den Check zur Früherkennung von Hautkrebs, die Krebsvorsorge bei Frauenarzt oder Urologe. Scham ist aber eigentlich eine wirklich gute Sache und nichts, was man bekämpfen sollte!

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